(13.9 - 1.10.2000)

Verdurstet, verhungert und erfroren
- Bergwandern in den Pyrenäen -

Dieser Reisebericht ist A. K.gewidmet, der mich dazu ermuntert hat, meine Erfahrungen aus dem letzten Pyrenäenurlaub nieder zu schreiben.

 

Jeder hat seinen bevorzugten Ort zum Nachdenken. Viele Leute meinen, daß ihnen auf der Toilette die besten Ideen kommen; andere brauchen beim Auto fahren immer einen Notizblock in der Nähe. Bei mir wird die Angelegenheit schon etwas komplizierter: Ich brauche die Berge. Ganz spezielle die Pyrenäen haben es mir angetan. Wenn kilometerweit kein Mensch zu sehen ist, dann erst kann ich mich ganz vom Alltag lösen, die kleinen Sorgen vergessen und die großen Fragen angehen.

Große Fragen gab es genug in diesem Sommer: Ich hatte mich gerade von meiner Frau getrennt - die mir übrigens mein letzter Pyrenäen-Urlaub überhaupt erst eingebrockt hatte - privat war also mal wieder alles im Umbruch. Wie überhaupt "Neuanfangen" neben Bergwandern zu meinen bevorzugten Hobbies zu gehören scheint.

Die Fahrt sollte - wie das letzte Mal auch schon - mit dem Zug stattfinden. Auch, wenn das Auto günstiger gewesen wäre - wenn ich in den Pyrenäen über ein Fahrzeug verfügt hätte, dann hätte ich es mit Sicherheit auch genutzt. Außerdem zwang einen die Fahrt mit dem Zug noch einmal mehr, sich mit dem Gepäck wirklich auf das Allernotwendigste zu beschränken.

Ich hatte alles mit, was unbedingt erforderlich war: Kleidung (2 Sweatshirts , drei Hosen, drei T-Shirts, Benzinkocher, Zelt, Schlafsack, Isomatte, Schreibzeug, Handy und natürlich Verpflegung für ungefähr sechs Tage, falls ich längere Zeit an keinen von Menschen bewohnten Ort gelangen sollte. Namentlich bestand die Verpflegung aus Reis (großer Nährwert bei geringem Packvolumen) und (eigentlich fast überflüssig, eher ein kulinarischer Luxus) Dosenfisch.

Am Samstag, dem 2.9. stieg ich, nachdem ich meine Kinder zur Mutter zurück gebracht hatte, in den Zug. Erst ging es mit der S-Bahn nach Dortmund, von dort aus weiter nach Bielefeld, wo ich dann endlich (es war schon kurz vor Mitternacht) in den Nachtzug nach Paris stieg. (Es ist ja leider mit Frankreich so, daß man nicht einfach an einen beliebigen Ort fahren kann. Alle Züge laufen in der streng zentralistischen Republik über Paris. Das bedingt, daß ein einzelner Bahnhof gar nicht in der Lage wäre, den Verkehrsstrom aufzuteilen. Paris hat vier Bahnhöfe, und wer von Deutschland kommt, gelangt prinzipiell in den Nordbahnhof und muß sich dann mit der Metro - der Pariser U-Bahn - herumschlagen, um an den Bahnhof zu gelangen, der für seine Region des Landes zuständig ist.

Natürlich (Mut zur Improvisation!) hatte ich keinen Platz im Liegewagen reserviert, mußte mich also erst einmal mit meinem sperrigen Rucksack (die Breite der Gänge in Einsenbahnwagen ist übrigens international so genormt, daß man mit einer gewöhnlichen Isomatte oder einem Standard-Bundeswehrzelt gerade eben überall hängen bleibt) durch die Wagen hindurch (und über die im Gang stehenden Personen hinüber- oder herunter-) quetschen, um einen Schaffner zu finden, der mir einen Platz zuweisen konnte. Nach einigen bühnenreifen Limboeinlagen hatte dieser mich auch endlich in ein Abteil gelotst, wo ich mich in eine der bereitstehenden Schubladen und meinen Rucksack darunter quetschen konnte. (Es handelte sich übrigens, wie ich später erfuhr, um ein erster-Klasse Abteil, was man daran erkennen konnte, daß sich nur vier gepolsterte Regalbretter zur Lagerung von Personen an den Wänden befanden, nicht etwa sechs, wie in der zweiten Klasse.) In das gleiche Abteil stieg noch ein junger Medizinstudent, der an der Universität von Toulouse ein Auslandssemester einlegen wollte. (Er sprach übrigens, ebenso wie ich, nur stockend Französisch, hoffte aber, das mit einem dreiwöchigem Intensivkurs an der Universität kompensieren zu können - arme Socke; ich bin sicher, daß er es in Frankreich kaum länger ausgehalten hat, als ich.)

Die nächste halbe Stunde verbrachten wir damit, uns immer neue Verwendungszwecke für die auf den Liegen befindlichen Laken auszudenken, bis wir so allmählich eine Vorstellung davon bekamen, was sich die Konstrukteure dabei (oder eben auch nicht) gedacht haben konnten.

Personalausweise und Fahrkarten lieferten wir beim Schaffner ab, damit wir - so versicherte uns dieser - nicht an der Grenze von Kontrolleuren geweckt werden müßten. Wurden wir auch in der Tat nicht, das erledigte der Schaffner höchstpersönlich, weil er anscheinend des Lesens nicht so weit mächtig war, daß er anhand unserer Fahrkarten entscheiden konnte, daß wir in Paris - und nicht schon in Brüssel - aussteigen wollten. Daß wir (oder zumindest ich) solcher Art dauerhaft um den Schlaf gebracht wurden, war für den Schaffner jedoch das geringste Problem. Er hielt nämlich tatsächlich die Fahrkarte eines Mitreisenden in der Hand, der in Brüssel den Zug hätte verlassen müssen - hätte!

In Paris angelangt mußte ich mich dann von meinem Mitreisenden verabschieden - er wollte zwar ebenfalls nach Toulouse, hatte aber für 23 DM Aufpreis den gerade eben eine Viertelstunde schnelleren TGV reserviert, und selbstverständlich gibt es nicht nur für die unterschiedlichen Himmelsrichtungen, sondern auch für die unterschiedlichen Zugtypen in Paris separate Bahnhöfe.

Vorher versuchten wir allerdings gemeinsam noch einige vergnügliche Minuten, mit unseren Rucksäcken in die Metro zu gelangen (die Breite der Drehkreuze, Klapp-, Fall- und Schlagtüren an den Eingangsschleusen zu dem Gewirr der Metro-Tunnel folgt der gleichen Norm, wie die Gangbreite in den Zügen.)

Am Bahnhof von Austerlitz hatte ich noch eine halbe Stunde Aufenthalt, bis mein Zug abfuhr. In dieser kurzen Pause lernte ich noch den bayrischen Spediteur Hans Sim kennen, dessen EC-Karte gerade eben von einem Tankautomaten verschlungen worden war. Nun stand er mit einem Lastwagen voller Apfelsinen vor der Maut-Schranke der Autobahn und konnte den Früchten beim Verfaulen zusehen. Gerne half ich diesem netten und redegewandten Bayern mit 1000 französischen Franc aus, die er mir sofort wieder zurück zu überweisen versprach, sobald er in Deutschland sei. Und im Übrigen - er habe ein Haus, und ich sei gerne zum Oktoberfest eingeladen.

Es nimmt nicht Wunder, daß ich zu Hause feststellen mußte, daß die von ihm angegebene Telefonnummer auf seiner Visitenkarte nicht existierte, und im Übrigen - genauso, wie die Faxnummer - voll von merkwürdigen Fehlern und sich wiederholenden Zahlengruppen war. Nun gut, wenn Dummheit bestraft werden muß, dann kann ich wahrscheinlich noch von Glück reden, daß es nur tausend Franc waren, die mich meine intellektuellen Defizite diesen Urlaub kosten sollten.

Von Toulouse aus fuhr ich mit der Bahn bis Montrejou; ab dort kam man nur noch mit dem Bus weiter. Genauso wie die Deutsche Bahn hat auch die SNCF, ihr französisches Pendant, zahlreiche der kleineren Strecken stillgelegt und fährt die ehemaligen Bahnhöfe nun mit dem Autobus an. Luchon, der Ausgangsort meiner Wanderung, ist zwar ein beliebter französischer Kurort, aber anscheinend nicht bei der SNCF.

Leider konnte auch die schlechte Erreichbarkeit des Ortes nichts daran ändern, daß fast sämtliche Hotels voll belegt waren - an meinem Äußeren konnten die zahlreichen Ablehnungen zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelegen haben. Nach einer Nacht im Zug und zwei Tagen ohne Rasur sah ich - im Vergleich zu meinem Erscheinungsbild einige Tage später - noch wahrhaft wie ein Gentleman aus. Schließlich fand ich doch noch ein - sogar recht komfortables - Zimmer mit Fernseher, Telefon und Minibar im Zentrum der Stadt.

Bei dem vorherigen Pyrenäenaufenthalt hatte ich in einem Hotelzimmer in Lourdes noch die Dreistigkeit besessen, mit dem Benzinkocher selber das Essen zu bereiten. Diesmal wollte ich nicht so weit gehen und suchte statt dessen ein Restaurant auf. Nach der Devise "Schnell - reichlich - günstig" entschied ich mich für einen Chinesen, nicht ahnend, daß der Inhaber (ein Franzose) die chinesische Küche wohl eher als Kunst denn als Broterwerb betrachtete. Nach einer Stunde geduldigen Wartens schob der kleine, drahtige Franzose mit der hektischen Aura das angehenden Herzinfarktkandidaten vor mich einen winzigen Teller mit etwas, was zuerst an den Inhalt einer Dose Katzenfutter erinnerte, in der Tat aber aus vom Küchenchef höchstpersönlich in winzige Würfel geschnittenem Hähnchenfleisch in einer für Katzen viel zu scharfen Sauce bestand. Dazu gab es - gegen Aufpreis, versteht sich! - ein winziges Schälchen Reis. Wie gut, daß ich - in der Absicht, mir den Bauch für die nächsten Hungertage ordentlich voll zu schlagen - zusätzlich als Vorspeise "Ravioli" bestellt hatte, die französische Bezeichnung für Frühlingsrollen. Nachdem ich die erste Ravioli mit den Eßstäbchen ziemlich unschicklich über den Tisch geschnipst hatte, fing ich sie lieber mit der Hand wieder ein. Sie schmeckte richtig gut...

Nun gut, auf kulinarischem Gebiet hatte der Mann sicher Großes vollbracht - aber satt geworden war ich nicht. Eigentlich wollte ich nur noch so unauffällig wie möglich verschwinden, damit mir mein Unmut (und immer noch bestehender Hunger) nicht angemerkt wurde. Unglücklicher Weise bestand der Inhaber aber noch darauf, mir zum Abschied sein Gästebuch zu zeigen, in dem sich vor einigen Wochen schon eine deutsche Familie verewigt hatte. Folgender Spruch war dort zu lesen:

...
Wir fahren wie der Blitz
von Perpignan nach Biarriz
Des Abends kehrten wir hier ein
das Essen war in der Tat sehr fein,
die Portionen aber viel zu klein.
...

Es fiel mir sehr schwer, meine Gesichtszüge zu beherrschen und dem sichtlich neugierigen Wirt auch nicht zu übersetzen, was da denn nun eigentlich stand. Wie gut, daß mein Französisch so schlecht war! Hätte er mir das Gästebuch lieber einmal vor den Essen gezeigt. Ich wäre in ein anderes Restaurant gegangen.

 

Solchermaßen gestärkt schritt ich am nächsten Morgen zur Tat. In einem langen Fußmarsch zog ich die Straße ins Vallee de Lis hoch. Mein Wanderführer empfiehlt zwar, für die ca. 10 km Straße von Luchon bis ins Tal der Lis ein Taxi zu bestellen, weil hier endgültig keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fahren, aber ich fand, daß der sanfte Anstieg der Asphaltstraße das ideale Einstiegstraining für die nächsten Tage Bergwandern sei. Während man in Verlauf der Straße wenig von dem Fluß bemerkt, den sie entlang führt, gelangt man am Straßenende in eine weite flache Talaue, in der sich die Lis malerisch hin und herschlängelt. Der romantische Eindruck wird von zahlreichen gelben Warnschildern getrübt, auf denen zu sehen ist, wie in Frankreich ungehorsame Touristen ersäuft werden. Leider ist mein Französisch ziemlich schlecht, und so dauerte es eine gute Woche, bis ich durch die englischsparachige Version dieses Schildes den eigentlichen Sinn verstand: Es handelte sich um eine Warnung, daß durch Wasserkraftwerke bzw. Staumauern unerwartete plötzliche Anstiege des Wasserspiegels möglich seien.

Am Ende des Tals liegt ein malerischer Wasserfall und ein weitaus weniger malerisches Wasserkraftwerk, das von einer Reihe von Gebirgsseen aus Röhren mit Wasser versorgt wird und aus dem hohen Wasserdruck mit der Lärmentfaltung einer kleineren Schrottpresse Strom erzeugt.

Die nächsten schweißtreibenden Stunden verbrachte ich damit, mich bis zu einer Gruppe von Hochgebirgsseen auf 1900 bis 2100 m über n.N. zu schleppen. Genauer gesagt schaffte ich es nur bis zum untersten dieser Seen, dem "Lac des Graues", von mir wegen des mörderischen Anstiegs nur "Lac des Grauens" genannt. Zu dieser relativ regenarmen Jahreszeit sah der Lac für den ortsunkundigen Wanderer eher wie eine Ansammlung von Pfützen aus, aber in dem Gelände ließ sich ganz hervorragend campieren. Endlich hatte ich es geschafft: Im Umkreis von mehreren Kilometern hielt sich kein Mensch mehr auf. Ich kochte mir eine gewaltige Portion Reis, versenkte den Fisch darin und freute mich an der ungestörten Einsamkeit.

Der romantische Eindruck wurde nur etwas durch einen eng über die Berge hinweg fliegenden Rettungshubschrauber gestört, aber auch dem konnte ich noch etwas positives abgewinnen. Anscheinend machten sich die Menschen hier wirklich Sorgen um die wenigen Touristen, die - nicht so weise und vorausschauend wie ich - in den Bergen verunglücken konnten. Ein wenig beruhigte mich das schon, denn mein Handy, das ich mir extra für den Gebirgsaufenhalt als Notrufgerät gekauft hatte, hatte angesichts der großen Distanz zum nächsten Funkmasten prompt den Dienst eingestellt.

Als dann der Hubschrauber keine zwanzig Meter von meinem Zelt entfernt landete, wurde mir allerdings doch etwas mulmig. Wurden hier die Touristen nicht nur in den Flüssen ertränkt, sondern auch noch mit Hubschraubern aus dem Gebirge gezerrt? ("Landen" ist übrigens wohl kaum der richtige Ausdruck, denn obwohl ich mich auf einer Hochebene befand, war der Boden nicht gerade genug, um das Aufsetzen des Hubschraubers zu erlauben. In der Tat war es so, daß nur eines der Räder des Hubschraubers kurzfristig auf dem Boden aufsetzte und ein drahtiger Mann in Bergsteigerkluft heraussprang. Er fragte mich, ob ich einen Wanderer gesehen hätte. Da man die Wanderer im Gebirge an diesem Tag wirklich bequem an den Fingern einer Hand abzählen konnte, war es kein Problem, dem Mann Position und Wegrichtung des letzten von mir gesehenen Menschens (ca. 4 Stunden zuvor) anzugeben. Dann wurde der Hubschrauber wieder herbeigerufen, der Bergsteiger sprang hinein, der Hubschrauber blies noch zum Abschied meine Wanderkarte in den Lac des Grauens und entschwand dann schnell in die von mir angegebene Richtung.

- Sie konnten den Mann an diesem Abend noch nicht gefunden haben, denn am nächsten Morgen kreiste der Hubschrauber wieder über den Bergen. In der Tat erfuhr ich einige Tage später, daß ein Bergsteiger an diesem Abend am Pic de Boum, der ungefähr in der von jenem Wanderer eingeschlagenen Richtung liegt, in den Tod gestürzt ist. Ob es sich wirklich um den Mann handelt, den ich gesehen hatte, konnte und wollte ich aber nicht in Erfahrung bringen. -

 

Am nächsten Morgen hatte ich wieder Kraft genug - nach einer weiteren Portion Reis, die ich mir gegen drei Uhr Nachts im Zelt gekocht hatte - um zumindest noch bis zu dem sehr berühmten, etwas höher gelegenen Lac Vert aufzusteigen. (Überhaupt muß ich an dieser Stelle der Romantik des einsamen Zelters in unberührter Natur etwas die Spitze nehmen. Nur selten habe ich mehr als drei Stunden am Stück schlafen können - teils, weil der Boden trotz der hervorragenden Isomatte für mich zu hart war, teils, weil ich nachts immer erbärmlichen Hunger hatte, und teilweise auch, weil ich - zumindest im Hochgebirge hundserbärmlich gefroren habe. Auch wenn tagsüber wenige Stunden in der Sonne für einen formidablen Sonnenbrand reichten, erreichten die Temperaturen auf 2000 m Höhe in der Nacht nicht selten den Gefrierpunkt, und morgens um sechs Uhr war der Boden mit einer dünnen Reifschicht überzogen.) Dieser See ist wirklich zauberhaft und die Mühe des Aufstiegs absolut wert.

Zuerst hatte ich vorgehabt, mich die nächsten Tage weiterhin im hohen Gebirge aufzuhalten, um die mühsam erkämpften Höhenmeter nicht wieder leichtfertig aufzugeben. Dazu wollte ich mich über eine Folge von Höhenzügen bis auf die spanische Seite der Pyrenäen schlagen und dort auf einer bequemen Höhe von 1800 Metern einigen Gebirgsbächen folgen, bis es einen Paßweg zurück auf die französische Seite gab. Der Weg zwischen den zwei ersten Pässen überzeugte mich jedoch davon, daß ich nicht leichtfertig in die Fußstapfen des verunglückten Bergwanderers steigen sollte. Der Weg war zwar als solches recht ungefährlich und gut dreißig bis vierzig Zentimeter breit, aber die Bergflanke, an der er entlang führte, fiel absolut ohne jede Bodenunebenheit vierhundert Meter in gemütlichem 45-Grad-Winkel ins Tal ab. Ein falscher Schritt, einmal ausgerutscht, und ich wäre erst vierhundert Meter tiefer wieder zum Halt gekommen. (Hatte ich schon erwähnt, daß ich unter ziemlich ausgeprägter Höhenangst leide? Nein, hatte ich nicht, aber spätestens jetzt müßte es jedem klar geworden sein.)

Also entschied ich mich für die sicherere Variante - meinte ich damals noch - und begab mich nach dem Verlassen des Steilhangs allmählich wieder in die tieferen Gefilde auf der französischen Seite. Statt wie am vorherigen Tag große Höhen zu überwinden, wollte ich nun möglichst zügig eine große Strecke hinter mich bringen und die spanisch-französische Grenze in ihrem Nord-Süd Verlauf begleiten.

Das gelang auch so weit ganz gut, bis ich abends am Col de Bareges die spanische Grenze erneut erreicht hatte. Hier sollte eine Schutzhütte stehen, in deren unmittelbarer Nähe ich zelten wollte. Die Schutzhütte stand dort auch wirklich - allerdings neben einer fast schon Farm zu nennenden Anlage, in der ein größerer Gebirgsbauer seine Schafe und Pferde betreute. Hier direkt wollte ich mich dann doch nicht niederlassen. Wer hat schon gerne soviel Zuschauer in seinem Schlafzimmer? Also zog ich doch noch zwei Kilometer weiter, bis ich eine ähnlich geeignete Hochebene gefunden hatte, die plan genug war, um darauf nachts nicht aus dem Zelt heraus zu rutschen.

Es gab nur ein Problem - und im Verlauf der nächsten Tage sollte es sich als eines der Hauptprobleme dieser Wanderung herausstellen, ohne daß ich dies vorher vermutet hätte: Das Wasser. Ich war vollkommen entkräftet, und die zwei Kilometer zurück bis zum Hof kamen mir wie eine Weltreise vor. Der nahe Abhang war bewaldet und sah wasserreich aus, war es aber nicht, wie ich nach einer halben Stunde ziellosen Herumkletterns herausgefunden hatte. Mittlerweile waren alle Wasserflaschen leer, und ich fühlte mich vollkommen ausgedörrt. Es mußte dringend irgendwoher Flüssigkeit besorgt werden, sonst hätte ich kräftemäßig nicht mehr weiter gewußt. In meiner Not stieg ich dann in eine kleine Hütte ein, die auf meiner Karte nicht verzeichnet war und wahrscheinlich zu dem Besitz des Bauernhofes gehörte, den ich vor einer Stunde als Lagerplatz verschmäht hatte. Und tatsächlich - hier fand ich (das einige Mal in diesem Urlaub, daß ich so etwas zu Gesicht bekamt) einen halb gefüllten Zehn-Liter-Kanister mit Wasser, den ich komplett bis auf den letzten Tropfen in meine eigenen Wasserbehältnisse umfüllte. Vom schlechten Gewissen getrieben legte ich beim Gehen noch eine 10-Franc Münze auf den Kanister und verschloß die Hütte so, wie ich sie vorgefunden hatte.

Jetzt konnte endlich das Zelt aufgebaut und - wieder mal - ein "kräftigender Reis" zubereitet werden, während die Schafe allmählich von der abendlichen Fütterung auf der Farm zurückkehrten und sich auf den umliegenden Hängen verteilten. Von ihnen wurde mein Zelt - und auch ich selbst - zwar mit großer Neugier, aber mit äußerstem Respekt begutachtet. Meine Sorgen, daß die Schafe sich vielleicht in der Nacht an den Zeltleinen zu schaffen machen könnten, erwies sich als unbegründet; keines wagte sich je näher als zehn Meter an mein Behelfsheim heran.

 

Der nächste Tag begann mit einem ermüdenden Abstieg. Von den 1900 Metern Höhe des Rastplatzes mußte ich auf ungefähr 1000 m herunter und dann nach Norden, in das kleine Dörfchen Artigue, wo ich in einer Gîte d'Etape, einer Art Jugendherberge für Wanderer, übernachten wollte. Um nun auf keinen Fall auch nur einen Meter überflüssige Höhe zu verlieren und nachher wieder hinaufklettern zu müssen, verfiel ich darauf, einen wenig genutzten aber (zumindest an seinem Anfang) gut ausgezeichneten Wanderweg zu nutzen, der sich um einen der nächsten Berge herum schlängelte. Es gab noch einen weiteren, häufiger genutzten Wanderweg, der aber gut 200 Höhenmeter tiefer lag und daher doppelte Anstrengung bedeutet hätte.

Der Anfang des höher gelegenen Wanderwegs ließ sich auch relativ leicht finden, doch schon wenige Meter später schrumpfte der Weg auf die Breite eines Wildwechsels zusammen. In dieser Breite wand sich der Pfad um den Berg, wobei er gewaltig anstieg. Auf der Karte waren nur ungefähr 200 Höhenmeter eingezeichnet, mir selber kam es aber eher nach 300 - 400 Metern vor. Mal ging es über ein Stückchen abgerutschten Hanges, dann wurde der Weg beiter und hätte zur Not auch mit einem Geländewagen befahren werden können, dann wieder ging es durch meterhohes Farnkraut, von dem der Pfad fast vollständig verborgen wurde. Schließlich, als ich schon zum wiederholten Mal zu der Ansicht gelangt war, daß jetzt endlich der Wald zu Ende sein müsse, lag ein halbes Dutzend umgestürzter Bäume quer über dem - an dieser Stelle mal wieder nur gerade fußbreiten - Weg. Als ich mit viel Mühe über die Bäume hinweg geklettert war (diese Aktion kostete mich mein Lieblings-T-Shirt), war der Weg verschwunden.

Auf allen Fünfen (den Wanderstock eingerechnet) kroch ich den Steilhang hinauf und hinunter, aber der Weg blieb unauffindbar. Hätte ich mich querfeldein durchschlagen sollen? Normalerweise reagiere ich in solchen Fällen nach dem Motto "Augen zu und durch" - so war ich selbst durch die Hochzeit mit meiner Noch-Frau gekommen. Bei ca 30 Grad Schräglage das Hanges und zahlreichen schwer übersehbaren Felsen hätte mich ein falscher Tritt an dieser Stelle aber mehr als nur einige Mark Unterhalt kosten können. Also entschied ich mich schweren Herzens, umzukehren. Davor hatten die Götter aber nicht nur die umgestürzten Bäume gesetzt, sondern auch den Verlauf des Wanderwegs. Der war auf dem Hinweg schon schwer zu finden gewesen - zurück schien er sich vollständig in Luft aufgelöst zu haben. Das Farnkraut erwies sich als das erste Hindernis - hier mußte ich mehrmals hin und her gehen, bis ich den ursprünglichen Pfad wieder fand. Gänzlich verwirrend wurde es etwa hundert Meter tiefer: Ich kam auf einem breiten Weg den Berg hinunter, zwängte mich durch einige Ginsterbüsche hindurch - und ging auf der anderen Seite den Berg wieder hinauf? Diese Stelle mußte ich dreimal abschreiten - unter zunehmenden Zweifeln an meinem Verstand - , dann warf ich meinen Rucksack entnervt in den Dreck - mittlerweile war das Wasser wieder ausgegangen, aber ich hatte eine Stelle gefunden, wo wenigstens langsam tröpfelnd etwas Feuchtigkeit aus dem Berg drang - und machte mich ohne Marschgepäck ein weiteres Mal auf den Weg. Langsam, glaubte ich, konnte mir nur noch mein Handy von diesem Berg wieder herunter helfen. Querfeldein zu marschieren wäre praktischer Selbstmord gewesen. Schließlich entsann ich mich jedoch der Stelle, an der der Hang abgerutscht war, und wirklich: dort erspähte ich den Pfad wieder, auf dem ich gekommen war.

An ein Weiterkommen war diesen Tag nicht mehr zu denken. Als ich endlich aus dem Wald heraus war, war es bereits 16.00 Uhr Nachmittags, und ich war mit meinen Kräften vollkommen am Ende. Ich schlug mein Lager in einer nahegelegenen Flußniederung - gerade einmal zwei Kilometer Luftlinie von meinem damaligen Ausgangspunkt entfernt - auf und bereitete mir mit Reis - und den zahlreichen Mücken (und auch zwei Zecken, die ich aber rechtzeitig absammeln konnte) mit mir - ein angenehmes und sättigendes Nachtmahl.

Der nächste Tag schien mein Glückstag zu sein. Obwohl der andere Weg nach Artigue erheblich tiefer entlang den Berghängen verlief, stellte sich die Wanderung als nicht besonders anstrengend heraus, und schon am frühen Nachmittag erreichte ich das verträumte Bergdorf, das an einem Hang über Luchon lag. Es schien allerdings Siesta zu sein, kein Mensch war auf den Straßen zu sehen, und ich rastete in der Nähe des Schildes, das die Gîte d'Etape kennzeichnete, um den Dorfbewohnern nicht die Mittagspause zu ruinieren.

Nach einiger Zeit des Wartens stellte ich allerdings fest, daß die Dorfbewohner entweder alle scheintot sein mußten, oder das Dorf tatsächlich vollkommen entvölkert war. Nur eine freundliche junge Frau, die - wie fast alle Franzosen - für meine ungenügende Kenntnis ihrer Muttersprache kaum Verständnis aufbringen konnte, fand sich schließlich bereit, mir zu erklären, daß erstens der Ort im allgemeinen nahezu ausgestorben sei, zweitens von der Gîte auch nur noch das Schild und sonst nichts existiere und drittens mein Ansinnen, dann zumindest etwas Proviant bunkern zu wollen (irgendwie hatte ich mittlerweile eine vollkommen unerklärliche Abneigung gegen Reis und Fisch entwickelt) überhaupt kein Problem sei, sofern ich bereit sei, die eineinhalb Stunden Fußmarsch in das im Tal gelegenen Luchon auf mich zu nehmen. Im Ort selber gebe es schon lange keinen Laden mehr. (Die französische Formulierung dafür hat etwas klassenkämpferisch-beruhigendes: "pas de commerce", bei diesen Worten schlägt einem zu spät geborenen 68er wie mir das Herz immer etwas höher. Im konkreten Einzelfall war es allerdings eine ziemliche Katastrophe.)

Die einzige Möglichkeit für mich, überhaupt irgendwo unterzukommen, bestand darin, mich ungefähr 300 Höhenmeter weiter oben in einer kleinen Schutzhütte einzuquartieren. Auf dem Weg dorthin lernte ich dann sogar noch einen netten älteren Franzosen kennen, der sich freundlich in einem Gemisch aus seiner und meiner Muttersprache mit mir unterhielt. (Wie ich überhaupt sagen muß, daß sich in den acht Jahren seit meinem vorherigen Frankreichaufenthalt vielleicht nicht die Sprachkenntnisse der Bevölkerung, aber doch zumindest die Bereitschaft, diese einzusetzen, erheblich verbessert hatten.)

Die Schutzhütte war leicht zu finden, auch war diese in einem absolut hervorragenden Zustand. Wirklich die Luxusversion eines Steinverschlags. Es gab sogar einen eigenen Anschluß für elektrisches Licht mit Sicherungskasten in der Hütte selbst. Licht gab es natürlich nicht, weil sämtliche Leuchtstoffröhren - wahrscheinlich von spielenden Teenagern, die dort draußen regelmäßig ihre Schäferstündchen abzuhalten schienen - demontiert worden waren, aber eine anerkennenswerte Geste war dieser Stromanschluß schon.

Was es aber nicht gab, war - Wasser. Es war keine Quelle in der Nähe, und die nächste sichere Wasserstelle, von der ich wußte, war ein Brunnen in dem Dorf gewesen, das sich ja wie gesagt dreihundert Meter - und damit in meinem Zustand eine halbe Weltreise - tiefer am Berg befand. Außerdem verspürte ich relativ wenig Lust, an ausgerechnet diesen unwirtlichen Ort zurück zu kehren.

Also blieb nur die Flucht nach vorne. Noch mal dreihundert Meter höher sollte sich eine weitere Schutzhütte befinden, und irgendwo auf diesem verdammten Weg sollte sich doch wohl Wasser finden lassen! Ließ sich aber nicht. Dreihundert Höhenmeter später fühlte ich mich wie eine Dörrpflaume. Ich versuchte schon - allerdings wie zu erwarten gewesen war, vergeblich - die Feuchtigkeit aus den aufsteigenden Abendnebeln durch tiefes Einatmen in mich aufzunehmen. Als ich schließlich den Gipfel des Berges erreichte und dort eine flache, ziemlich verdreckte und von losgetretenem Lehm trüblich-gelbe Wasserstelle für Schafe fand, hätte ich auf die Knie fallen und meinem Schöpfer danken können. Wenige Meter weiter fand ich dann auch die eingezeichnete Schutzhütte, so daß auch diesmal alles gerade noch einmal so eben gut ging.

Neben der Schutzhütte befand sich übrigens wieder ein kleines Farmhaus - kaum größer, als ein Hühnerstall, in dem ein äußerst wortkarger Bauer hauste, der allerdings im Gegensatz zu mir sehr bequem mit seinem vierradgetriebenen Fiat Panda den Berg hinauf gekommen war. Damit es ihm nicht zu langweilig wurde, hatte der Bauer sogar einen kleinen Fernseher in seiner Küche stehen - getrieben durch ein kleines Paneel von Solarzellen, die auf einem Mast vor dem Haus befestigt waren.

Ich machte es mir in der Hütte bequem und eilte dann, mir einige Liter von dem lehmigen Wasser zu holen, um einmal mehr - was wohl? Reis und Dosenfisch zuzubereiten.

 

Die Ironie des Schicksals wollte es, daß ich am nächsten Morgen nur wenige hundert Meter weiter eine ganz hervorragende Quelle mit glasklarem Wasser fand.

Auch für diesen Tag hatte ich mir - wieder einmal - nur eine weniger anstrengende Etappe vorgenommen. Wenn ich schon in Artigue weder ein Bett noch etwas nicht-fischiges und nicht-reisiges zu essen bekommen hatte, dann wollte ich in der nächsten Nacht wenigstens in der Gîte von Fos Station machen, in aller Ruhe Brot, Wein und Käse konsumieren und es mir einmal richtig gut gehen lassen. Und wirklich: Es war ein wunderschöner Tag, weit und breit keine Menschenseele, einige Hausziegen streunten durch die Gegend und kamen aufgeregt auf mich zugerannt, als ich in meiner Tasche kramte - wahrscheinlich erwarteten sie, daß ich Futter bei mir hatte. Auf einem fernen Hang erblickte ich sogar etwas, was ich für wilde Bergziegen hielt. Von den jetzt fast wieder 2000 Metern Höhe mußte ich wieder hinunter auf 600 Metern - ein langer Abstieg stand bevor.

Irgendwann im Verlauf dieses langen und mühsamen Abstiegs fiel mir dann doch auf, daß der Verlauf des Wanderwegs nicht so war, wie er nach der Karte hätte sein müssen. Aber erst, als ich das Handy einschaltete (das erste und einzige Mal, daß es mir in diesem Urlaub tatsächlich etwas nützen sollte) und ein mir gänzlich unbekannter Sender in der Anzeige auftauchte, schwante mir so langsam, daß es vielleicht um mehr als nur einige Meter Abweichung vom rechten Kurs ging. Nach einigen hundert Höhenmetern, die ich mehr oder weniger querfeldein durch Alpenrosen, Ginster und Farngestrüpp zurücklegte, weil der Weg sich endgültig verloren hatte, kam mir die Angelegenheit ziemlich spanisch vor.

Sie kam mir nicht nur so vor - auf einem ausgetretenen Pfad traf ich schließlich tatsächlich auf eine Kuhhirten, der das Französische ungefähr genau so gut beherrschte, wie ich - ich war wirklich in Spanien angelangt. "Vous êtes perdu", fragte der Kuhhirte wenig diplomatisch. Aber Recht hatte er - irgendwie mußte ich wohl einen Berg zu früh abgebogen sein und kam nach Wegweisung durch den Kuhhirten in der Tat bei dem Dorf Bausen, vier bis fünf Kilometer Luftlinie hinter der spanisch-französischen Grenze wieder aus dem Gebirge heraus. Nun hieß es, einige Stunden lang Straße treten, damit ich irgendwann später - gegen 17.00 Uhr - doch noch in Fos ankommen konnte.

In diesem kleinen, vielleicht 5.000 bis 10.000 Einwohner zählenden Ort sollte ich nun für die Mühen des Tages reich belohnt werden - dachte ich. Tatsächlich ging zuerst auch alles glatt. Am Ortseingang wurde ich noch von zwei Schweizer Motorradfahrern angehalten, die mir fast um den Hals gefallen wären, als sie in mir einen Deutschsprachigen erkannten. Sie ließen sich von mir auf meinen Wanderkarten den Weg weisen und brausten unter herzlichen Dankbekundungen davon. Von der Gîte existierte in diesem Ort auch mehr als nur das Schild. Das Haus stand offen - es handelte sich um eine umgebaute Mühle -, war den Umständen entsprechend gemütlich, mit einem ebenerdig gelegenen Eßzimmer mit Herdplatten, Waschbecken und Kamin sowie vier 4 - 10 Betten beherbergenden Schlafzimmern in den oberen Stockwerken. Ich suchte mir das kleinste dieser Schlafzimmer aus - in der Hoffnung, hier von eventuellen Neuankömmlingen ungestört nächtigen zu können -, verteilte mein Gepäck großzügig im Raum um meinen Platzanspruch sichtbar zu machen und machte mich auf die Suche nach den Geschäften, die mich mit Rotwein, Brot und Käse versorgen sollten.

Tatsächlich hing in dem Eßsaal der Gîte sogar noch ein Schild, auf dem die genaue Lage der verschiedenen Geschäfte im Ort verzeichnet war.

Dabei handelte es sich allerdings - wie ich nach einer halben Stunde rastlosen Umherirrens feststellen mußte - wieder um einen jener mir mittlerweile schon aus Artigue bekannten Schild-Bürgerstreiche. Die Läden waren zwar noch vorhanden - aber mit Ausnahme der Bäckerei schon vor Jahren geschlossen worden. Anscheinend gibt es in den französischen Pyrenäen ein groß angelegtes Programm zur Bekämpfung des Touristen- und Einwohnerunwesens, indem man diese entweder in Bächen ersäuft, mit Hubschraubern ihre Wanderkarten versenkt oder sie schlichtweg verhungern läßt.

Aber - nach einem kurzen verzweifelten Versuch, im örtlichen Hotel - das zu sehr zivilen Preisen Betten mit Dusche, WC und Halbpension anbot, aber sicherheitshalber ebenfalls den Eingang verrammelt hatte - unterzukommen, fand ich meinen Retter, dem ich an dieser Stelle ein Denkmal setzen möchte. Es handelte sich um einen äußerst netten Franzosen, der mit seinem prähistorischen 2CV-Kastenwagen anscheinend seinen Rasenmäher durch den Ort spazieren fuhr und mir erklärte, daß selbstverständlich schon längst keine "alimentation" im Ort mehr existiere. Nein, im nächsten Ort auch nicht, (ich befürchtete schon, daß er mir ebenfalls empfehlen würde, nach Luchon zurück zu kehren), aber nur sieben Kilometer weiter solle man schon einmal ein Lebensmittelgeschäft gesehen haben. Schließlich erklärte er sich sogar bereit, mich in einer halben Stunde auf seiner nächsten Fahrt an diesem Laden abzusetzen - wobei er allerdings recht direkt darauf hinwies, daß sich in der Gîte Duschen befänden, die ich ja währenddessen benutzen könne.

Tatsächlich befand ich mich eine halbe Stunde später frischgeduscht und -rasiert in meinen saubersten Kleidern in seinem komfortablen Fahrzeug. Als ich dem Franzosen dann auch noch erzählte, daß ich früher selber Citroen gefahren sei (ich erzählte ihm diplomatischer Weise nicht, warum ich jetzt andere Marken bevorzuge), war das Eis gebrochen. Wir unterhielten uns, so gut es die Sprachbarriere erlaubte über die Gegend, er hielt gelegentlich an, um seinen Rasenmäher auszuladen oder mir die Namen der Berge (die ich leider augenblicklich wieder vergaß) zu erklären, prahlte damit, daß zumindest seine Tochter in der Schule Deutsch lerne und setzte mich an dem Laden mit dem Versprechen ab, mich in einer Stunde wieder abzuholen.

Die eine Stunde brauchte ich auch, um alles in dem kleinen, mit Waren vollgestopften Laden zu finden, was ich zu brauchen meinte. Ich kaufte frisches Obst, einen - wie sich nachher feststellen sollte - absolut vorzüglichen Landwein, Wurst, Käse und - für den "gemütlichen Abend", den ich mir zu machen gedachte, nicht unerhebliche Mengen an Erdnüssen und anderen fettreichen Snacks. Außerdem füllte ich meine Bestände an Reis und Dosenfisch wieder auf. Etwas Probleme hatte ich mit dem Zucker - ich hasse Zucker im Tee, aber es war mir in den Bergen zur Gewohnheit geworden, meinen Morgentee (aus unerklärlichen Gründen hatte ich eine Abneigung gegen Reis und Dosenfisch zum Frühstück entwickelt und startete meine Tageswanderungen daher mit leerem Magen) stark zu süßen, um wenigstens etwas Kalorienhaltiges zu mir zu nehmen. Es gab in dem ganzen Geschäft nichts, was auch nur im entferntesten an Zucker erinnerte. Schließlich fragte ich einen Verkäufer, dieser wies auf ein Regal, in dem ich aber nichts fand, ich fragte erneut und wurde dann schließlich vom Ladeninhaber höchstpersönlich zum Zucker geleitet. Dieser ist nämlich in Frankreich zumeist Rosa verpackt. (Warum auch nicht? Die blaue Farbe von Zucker in Deutschland scheint mir eigentlich auch nicht viel sinnfälliger zu sein.)

Solcherart verproviantiert kam ich dann doch noch zu meinem gemütlichen Abend mit Weißbrot, Käse, Wurst und Landwein. Allerdings hatte ich es mit der Ernährung vielleicht doch etwas übertrieben. Entweder meine Innereien waren die fetthaltige Kost nicht mehr gewöhnt, oder die schlichte Menge (irgendwie war ich der Meinung, daß ich nicht tragen müsse, was ich noch an diesem Abend verspeiste) spornte sie zu nächtlichen Höchstleistungen an, die mich in regelmäßigen Abständen auf die Toilette zwangen. (Papier gehört definitiv nicht zur Grundausstattung von französischen WCs, aber ich hatte ja welches mit.)

Das "Gemütliche" des Abends "verplätscherte" sich aber nicht nur deswegen, sondern auch weil pünktlich um 10 Uhr abends eine zwölfköpfige Horde von Franzosen mit Riesenmengen an Proviant auftauchte, die Küche in ein Schlachtfeld verwandelte, die Schlafräume umbaute (und mir dabei auch ein Bett aus meinem Vierbettzimmer entführte) und auch sonst allerlei Unfug trieb. Selbstverständlich fanden sie auch nichts dabei, am nächsten Morgen um 5 Uhr unter erheblicher Lärmentfaltung die Stellung wieder zu räumen. (Wenigstens beließen sie das entwendete Bett an seinem Platz und schoben es nicht wieder in meinen Schlafraum zurück.)

 

Am nächsten Morgen startete ich meine Wanderung mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch. Nicht nur meine nächtlichen Wanderungen mit der besagten Papierrolle schlugen mir auf den Magen, sondern auch der erhebliche Höhenunterschied, der an diesem Tag zu bewältigen war. Eintausendsechshundert Höhenmeter hatte ich vor mir, bis die nächste Hütte zu erreichen war. (Das Zelten hatte ich mittlerweile gründlich satt.) Ziel des Tages war eine kleine Schutzhütte am Étang d'Araing, einem (wie ich meinte) Bergsee auf etwa 2000 Meter über n.N.

In der Bäckerei von Fos erwarb ich noch ein "flute" genanntes Stangenweißbrot (eine Art übergewichtiges Baguette) und bekam dazu noch gratis eine Lektion in Grammatik, denn selbstverständlich hieß es nicht, wie von mir gefordert "un flute", sondern "une flute", wie die Verkäuferin mich äußerst feinfühlig korrigierte. Sie erweckte den Eindruck, als ob sie lieber gestorben wäre, als mir "un flute" zu verkaufen, also bemühte ich mich, den Fehler zu korrigieren bevor auch noch der letzte Laden in Fos wegen unverständiger Touristen geschlossen wurde.

In den nächsten Stunden folgte ein gemächlicher Anstieg über das malerische Bergdörfchen Melles hinaus in darüber gelegenen Berge. Am Ortsausgang von Melles weist ein gemütvolles Schild den unbedarften Wanderer noch darauf hin, daß ab hier das Reich der Bergbären beginne. Das Stören der Bären und das Verfüttern freilaufender Hunde an dieselben sei streng untersagt. Dem Biologen in mir fehlten einige einfache Verhaltenshinweise, was denn nun zu tun sei, wenn man dem launischen Herrn der Pyrenäen begegne. Läuft man besser weg? Oder versucht man, ihn mit DrohgeBÄRden zu verscheuchen? Schlägt ihn - wie jeden aufrechten Franzosen - die Verstümmelung der französischen Grammatik in die Flucht? Oder ist jeder Widerstand zwecklos und man sollte sich am besten gleich mit Senf bestreichen und auf den Weg legen? Oder bevorzugen Bären zu Touristen Ketchup? Das Schild ließ mehr Fragen offen, als es beantwortete.

Glücklicher Weise zeigten sich außer einem Frosch, einer Ringelnatter und einem älteren englischen Touristenehepaar keinerlei reißende Bestien, so daß ich nicht in die Verlegenheit kam, den korrekten Umgang mit Bären im Selbstversuch erproben zu müssen.

Statt dessen fand ich die zauberhafteste und entrückteste aller bisher gesehenen Berglandschaften vor. Auf ungefähr 2000 m Höhe hatte man von Horizont zu Horizont nur mattgrüne Bergwiesen vor Augen. Auf einem der nördlichen Hänge stiegen Säulen aus Wasserdampf auf und wurden von einem sanften Ostwind den Berg hinauf geblasen, bis sie sich in nichts auflösten. Auf Kilometer hinweg war ich der einzige Mensch, nur einige verfallene Mienengebäude auf dem nordwestlichen Abschnitt der Hochebene zeugten noch von der Existenz meiner Rasse.

Ich brauchte lange, um mich von diesem Anblick zu lösen, den "Col d'Aueran" genannten Bergsattel zu übersteigen und auf der anderen Seite den felsigen Abstieg zum zweihundert Meter tiefer gelegenen Étang d'Araing in Angriff zu nehmen.

Wahrscheinlich hätte ich vor der nun folgenden Enttäuschung bewahrt werden können, wenn ich in meinem Stolz jemals den Kauf eines französischen Wörterbuchs in Erwägung gezogen hätte. Tatsächlich handelte es sich jedoch bei einem Étang nicht, wie bei einem Lac um einen natürlichen See, sondern um einen künstlich angelegten Stausee, um den im konkreten Fall neben der von mir sogleich bezogenen Schutzhütte auch noch ein an eine Almwirtschaft erinnernder Amüsierbetrieb ("Refugée" genannt) stand. In den französischen Sommerferien mußte dies ein beliebtes Ausflugsziel sein, und auch während meiner Bergwanderung, die ja mit Bedacht außerhalb der Hauptferienzeit lag, war hier noch einiges los.

Daß an diesem Ort "einiges los" war, konnte man übrigens auch durchaus wörtlich verstehen, denn nordwestlich des Amüsierbetriebs, da wo die ärmliche und ziemlich verdreckte Schutzhütte lag, sah es aus, als ob die Errichter des Staudamms die Hälfte ihres Fuhrparks in Einzelteilen zurück gelassen hätten. Das Tal war übersät mit rostigen Metall- und Maschinenteilen, mühlradgroßen Zahnrädern, Eisenträgern und korrodierten Seilen. Meine Vorgänger in der Schutzhütte hatten aus dieser Not eine Tugend gemacht, allerlei Stahlteile herein geschleppt und so aus Zahnrädern und T-Trägern ein notdürftiges und stark abfärbendes Mobiliar geschaffen, auf dem ich es mir gemütlich machte.

Kurzzeitig erhielt ich noch Besuch von einem reichlich verwilderten englischen Bergwanderer, einem Vertreter der seltenen Spezies drahtiger mit zwei Stöcken bewaffneter Bergartisten, die - mehr auf ihre Stöcke denn auf die Beine gestützt - mit den Bewegungen eines Skilangläufers die Berge in atemberaubender Geschwindigkeit hinauf- und hinunterhetzen. Nachdem wir uns eine Viertelstunde unterhalten hatten, wobei er seltsamer Weise nicht aus dem Türrahmen wich - roch ich wirklich schon so stark? - verabschiedete er sich wieder im den "Almbetrieb" um dort einen Spiegel (und ich hoffte, ebenfalls Rasiermesser und Dusche) zu suchen.

Ich feierte den gelungenen Aufstieg und den ersten katastrophenfreien Tag (bei diesem Gedanken überkam mich eine merkwürdige Langeweile) mit den Resten der "flute" und einem stärkenden Reis mit Dosenfisch. Am Abend kämpfte ich noch eine Stunde mit dem Kamin und dem wenigen vorhandenen Brennholz, das ich mit den abgebrannten Resten von Kerzen zu entfachen versuchte, um mich dann doch resigniert in meinen Schlafsack zu zwängen.

Mitten in der Nacht erwachte ich von einigen gewaltigen Kanonenschüssen, die über die Berge hallten. Unwillkürlich mußte ich an den verunglückten Wanderer denken und vermutete ein erneutes Unglück. Wie ich jedoch am nächsten Abend erfahren sollte, hatten die Bewohner des Refugées jedoch nur bis jetzt die Ruhe und Einsamkeit der Berge mit etwas Tanzmusik gefeiert und schlossen den Abend nun mit einem Feuerwerk ab.

 

Auch den nächsten Morgen wollte mich die resignative Stimmung des Vorabends nicht verlassen. Was hatte mir das Wandern in den Pyrenäen noch an Abenteuern zu bieten, jetzt, wo alles glatt lief? Eigentlich nur noch Reis mit Fisch, schwere Beine und verschwitzte Klamotten. Die letzten Tage war es in der Höhensonne recht heiß gewesen, trotzdem hatte ich mich gezwungen, ständig ein Sweatshirt zu tragen, um meine vom Sonnenbrand arg geschälten Arme zu schonen. (Da ich seit Tagen schon mehr oder weniger konstant nur nach Osten gelaufen war, mußte ich einen komischen Anblick geboten haben: Die rechte Körperhälfte war rotgebrannt in mehrfacher Schälung begriffen, während alles Linksseitige im Dauerschatten käsig bleich geblieben war.) Die letzten Tage war es mir nicht mehr gelungen, dieses Sweatshirt noch trocken zu bekommen, so daß ich schon morgens in schweißnasse, nicht durchweg gutriechende Kleidung zu steigen gezwungen war.

Außerdem hatte ich einige Zeit über den Wanderkarten gebrütet. An diesem Tag sollte es wieder mehr als tausend Höhenmeter tiefer ins Tal zum Dorf Eylie gehen, dann würde der Wanderweg eine lange Schleife durch recht uninteressantes Gebiet machen, ohne einen weiteren nennenswerten Ort zu berühren. Um rechtzeitig für die Rückreise wieder eine Menschenansiedlung erreichen zu können, wäre ich gezwungen, mehrere Tage in großer Eile zu wandern. Diese Perspektive reizte mich noch weniger als mein durchnäßtes Sweatshirt noch einige Tage länger tragen zu müssen. So war nach zwei Stunden Abstieg für mich alles klar: Ich würde morgen schon die Rückreise antreten, und diese Aussicht besserte augenblicklich meine Stimmung wieder auf.
Das hatte ich auch nötig, denn der Abstieg von dem Stausee hinunter nach Eylie war nicht nur sehr anstrengend, sondern führte auch noch durch von Menschen verwüstetes Gelände. Über den ganzen Berghang verstreut lagen ebensolche Metall- und Maschinenteile, wie bereits um den Étang. Schutt- und Abraumhalden rostbraunen Gesteins waren begleitet von den zusammengebrochenen Resten einer ehemaligen Seilbahn, alten mit Wellblech gedeckten Mienengebäuden, den Resten alter Loren und Grubenbahngleise. Irgendwo in den Abhang war scheinbar unmotiviert eine große Marmorplatte eingelassen, die sich jedoch bei näherer Betrachtung als ein Grabmal für drei Elektriker entpuppte, die hier kurz nach Weihnachten 1974 tödlich verunglückt waren. In der Umgebung fanden sich dann auch noch zusätzlich Gedenksteine für zwei der Verunglückten. Sie waren nahe beieinander gestorben. Wer hatte nur den Unverstand besessen, diese Leute um diese Jahreszeit in eine Gegend zu schicken, die schon im Herbst unwirtlich und ab November wahrscheinlich vollkommen verschneit war? Welcher technische Fortschritt war drei Menschenleben wert gewesen?

Am frühen Nachmittag erreichte ich das halb verträumte und halb verfallene Bergdörfchen Eylie. Die Gîte war geöffnet und ich richtete es mir in dem unteren Schlafraum (ein großes Zimmer mit einer Reihe selbstgebauter Spindfächer und zwei langen Regalbrettern an der gegenüberliegenden Wand, auf denen - nach der Anzahl der verteilten Kopfkissen zu schließen - jeweils ein knappes Dutzend Wanderer in ölsardinenartiger Enge schlafen sollte) so gemütlich wie möglich ein.

Der Betreiber der Gîte sollte nach einem Zettel an der Wand in einem anderen Haus im Ort wohnen und wünschte, bei der Ankunft von Wanderern verständigt (und wahrscheinlich wichtiger noch: bezahlt) zu werden. Tatsächlich war zusätzlich zu der präzisen Wegbeschreibung auf genanntem Zettel das ganze Bergdörfchen noch mit signalgelben Wegweisern übersät, wo der Hausherr zu finden sei. Das änderte allerdings nichts daran, daß derselbige unauffindbar, weil in den Bergen sei. Nach einigen Kommunikationsschwierigkeiten mit einer älteren Dorfbewohnerin (mein Französisch war schlecht; sie selber sprach offensichtlich überhaupt nichts, was einer mir bekannten Sprache glich) verständigte ich mich mit ihr, daß sie die Gebühr für die Übernachtung entgegen nehmen sollte. Diese Frau erwies sich als unbezahlbare Hilfe. Sie erkundete für mich telefonisch, daß am nächsten Morgen in dem nächstgrößeren Ort, Seintein (sie sprach es "Senteng" aus) ein Schulbus abfuhr, der mich bis nach Foix mitnehmen konnte, wo es einen Anschluß nach Toulouse gebe. Außerdem verkaufte sie mir zwei Flaschen eines "veng" genannten Getränks, das sich als köstlicher Landwein entpuppte und hätte mir gerne auch noch etwas tiefgefrorenes "peng" verkauft, wenn ich nicht mangels passenden Brotbelags meinen Reis vorgezogen hätte.

Da alle Touristen in ihren Augen Langschläfer waren, ermahnte sie mich mehrmals, daß der Bus schon um 7.00 abfuhr, und daß es bis "Senteng" eine knappe Stunde Fußmarsch sei. Dabei wurde sie zwar von ihrem bettlägerigen Ehemann ermahnt, daß man die Strecke bequem in einer halben Stunde schaffen konnte; trotzdem faßte ich den frühzeitigen Aufbruch ins Auge, was sich im Nachhinein als weiser Entschluß entpuppte, da ich in der Tat fast eineinviertel Stunden bis nach Seintein unterwegs war.

Gerade, als ich meinen kräftigenden Reis verspeist hatte, schneite noch das englische Ehepaar aus Bristol in die Gîte herein und erkundigte sich nach den Lokalitäten. Sie - Anna - war dafür, wegen des fehlenden Essens bis nach Seintein ins Hotel zu marschieren, er - Jack - ließ sich dann von meinem bereitwillig angebotenen Reisvorrat gerne überzeugen, statt dessen in der Gîte zu übernachten, wofür die beiden dann dankenswerter Weise das obere Schlafzimmer nutzten, so daß wir einander nicht weiter störten.

In meiner übergroßen Hilfsbereitschaft machte ich allerdings den Fehler, neben dem Reis auch noch Dosenfisch und die gekörnte Brühe, mit der ich den Reis zu würzen pflegte zur Verfügung zu stellen. Leider vergaß ich, zu erwähnen, daß die Brühe anstelle von Salz und nicht zusätzlich zu verwenden sei, was zu ziemlich langen Gesichtern beim Abendessen der beiden führte, die den Reis ausgesprochen "tasty" fanden. Trotzdem verbrachten wir noch einen gemütlichen Abend mit Landwein, versalzenem Reis und tiefgefrorenen "peng" miteinander, ehe ich mich frühzeitig in mein Zwölf-Mann-Bett legte, um am nächsten Morgen rechtzeitig aus den Federn - Verzeihung: Aus dem Sack, denn Bettzeug hatte keine der Gîtes zur Verfügung gestellt - zu kommen.

 

Tatsächlich konnte ich dann vor Angst, am nächsten Morgen den Bus zu verschlafen, kaum ein Auge zu bekommen und war auch gegen Mitternacht schon wieder auf den Beinen. Ich verbrachte die restliche Nacht damit, gegen mein Handy Reversi (ich gewann immer) und Vier in einer Reihe (das Handy gewann immer) zu spielen. Zu mehr war das Handy auch nicht nütze, denn das gesamte Tal von Eylie bis kurz vor Foix war für den Funkempfang ungeeignet.

Kurz nach fünf Uhr machte ich mich auf den Weg und erreichte den Ort rechtzeitig zur Abfahrt des Busses. In Foix instruierte mich der Fahrer noch genau, wo der Anschlußbus nach Toulouse zu finden sei, und in der Tat stieg ich gerade in diesen ein, als er auch schon startete. Über den Rest der Busfahrt habe ich kaum etwas zu berichten, da ich die meiste Zeit damit verbrachte, im Dämmerzustand meinen Nachtschlaf nachzuholen.

Von Toulouse nach Paris ging es ziemlich zügig, nur die Rückfahrt nach Deutschland gestaltete sich etwas kompliziert, da ich an drei Schaltern drei verschiedene Auskünfte nach dem nächsten (nicht zuschlagspflichtigen; ich bin geizig!) Zug bekam. Als ich die Lage endlich geklärt hatte, stand der Zug auch schon im Bahnhof und war zur Abfahrt bereit.

Übrigens hatte ich auch im Bahnhof von Paris wieder Bekanntschaft mit einem gestrandeten Landsmann geschlossen. Dieser blickte mich mit treuherzigen Dackelaugen an und beichtete mir, daß er leider vollkommen mittellos sei, aber auch nur 268 Franc für die Rückfahrt brauche, und ob ich wohl so gütig sein könnte...? Ich blickte ebenso treuherzig zurück und erklärte ihm, daß ich schon auf der Hinfahrt 1000 Franc geblecht habe, und daß deshalb mein diesjähriger Etat für Trickbetrüger bereits überzogen sei. Vielleicht im nächsten Urlaub? Etwas erbost zog der Mann von dannen. Wahrscheinlich weniger, weil ich ihm das Geld nicht gegeben hatte, sondern weil jemand anders ihm das Geschäft versaut (und dabei auch noch deutlich mehr kassiert) hatte.

Ich buchte wieder ein Fach im Liegewagen und schlief tatsächlich einige Stunden, ehe der Zug in Dortmund hielt. Der Liegewagenschaffner (ein netter, meinem Eindruck nach eindeutig schwuler Student aus ....) hatte sich dankenswerter Weise darum gekümmert, daß der Zug dort - trotz bereits erheblicher Verspätung - extra für mich hielt. Ein Lob der Deutschen Bahn!

 

Wovon ich nicht geschrieben habe:

Im wirklichen Leben ist kaum eine Geschichte wirklich ungeteilt komisch. Das wird sie nur durch eine bestimmte Sichtweise, die einzelne Aspekte unterstreicht und andere unterdrückt. Zu letzterem gehört, daß ich in den Bergen eigentlich nie alleine war. Genauso, wie ich acht Jahre zuvor mit dem Gedanken an meine damals zukünftige und derzeitige Noch-Frau durch die Berge strich, so hielt mich diesmal meine zukünftige Geliebte außer Atem. Auf jedem Berggipfel, der ungestörten Blick zum Tal und damit vielleicht zu einem Funkmasten ermöglichte, schaltete ich mein Handy ein um vielleicht eine neue SMS von ihr zu empfangen, an keinem Briefkasten konnte ich vorbei gehen, ohne einige Seiten meines Reisetagebuchs in einen Briefumschlag zu stopfen und ihr zuzusenden. Unsere Anrufbeantworter kommunizierten regelmäßig miteinander. Alles, was ich erlebte, erlebte ich im Gedanken an sie; die sich in meiner Erinnerung unzertrennlich mit dieser Wanderung verband.

Wenige Tage nach meiner Rückkehr aus den Bergen trafen wir uns das erste Mal (wir kannten uns nur per E-Mail und Telefon sowie einige hastig hin- und her geschickte Fotos), eine Woche später waren wir für zwei Tage ein Paar, dann verließ sie mich. Wenn ich an die Berge zurück denke, dann immer mit Schwermut, und ich schrieb diese Erinnerungen auch deshalb nieder, um sie loslassen zu können, wie man halt nur einen Stapel Papier loslassen kann, den man in eine Schreibtischschublade stopft oder eine Zeit lang gefaltet in einem Buch vergißt oder auch einfach zerknüllt und wegwirft.